Mikroexpressionen: Was die Mimik über uns verrät

03. September 2020
Soft Skills
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Das Gesicht eines Menschen verrät viel über seine Gedanken und Gefühle – aber nur, wenn Sie es auch schaffen, diese Dinge herauszulesen. Es braucht einen geschulten Blick, um die Mikromimik eines Gesprächspartners entschlüsseln zu können und damit einen Blick hinter seine Maske zu werfen. Wir haben uns mit diesem Thema einmal genauer auseinandergesetzt und dazu auch unseren Mimik-Experten Andreas Fiederle befragt. Lesen Sie in diesem Beitrag, was hinter der Mikromimik und den sogenannten Mikroexpressionen steckt und wie Sie diese erkennen.

Was Mikroexpressionen überhaupt sind

Mikroexpressionen oder auch Mikroausdrücke beschreiben kurzzeitige Veränderungen in der Mimik eines Menschen. Das Gesicht verändert sich dabei nur für den Bruchteil von weniger als einer Sekunde – genauer gesagt für maximal ein Fünftel einer Sekunde! Anfangs ging die Forschung davon aus, dass diese Mikroausdrücke viel zu kurz auftreten, um sie überhaupt identifizieren zu können. Doch sie wurde eines Besseren belehrt. Durch gezieltes Training können Menschen sehr wohl kurze emotionale Momente bei ihrem Gegenüber erkennen und deuten. Dazu muss der Beobachter nach bestimmten Indikatoren im Gesicht Ausschau halten, um die Mikroexpressionen auch im richtigen Moment wahrzunehmen.

Diese nur so kurz sichtbaren Mikroexpressionen sind für uns deshalb so spannend, weil sie unbewusst die Gefühle und Ängste eines Menschen in seinem Gesicht sichtbar werden lassen, obwohl dieser vielleicht gerade versucht, eben diese zu verstecken. Schafft man es also, die Mikroausdrücke zu erkennen, ist der erste Schritt getan, um sein Gegenüber besser zu verstehen.

Worauf Sie bei der Interpretation achten müssen

Das reine Erkennen von Mikroexpressionen bringt Sie aber leider noch nicht sehr weit. Die anschließende Interpretation der Mikroausdrücke ist viel wesentlicher für Sie als Beobachter. Die Gesichtszüge können für die verschiedenen Basisemotionen eines Menschen stehen: Angst, Überraschung, Ärger, Ekel, Verachtung, Trauer und Freude.

Paul Ekmann, Professor der Psychologie an der University of California, San Francisco, hat drei Aspekte definiert, die Sie bei der Interpretation von Mikroexpressionen beachten sollten:

Die Art des Gesprächs, in dem Mikroexpressionen beobachtet werden:
Wird gerade ein Schuldiger befragt? Begegnen sich fremde Menschen? Geht es um ein aktuelles Projekt? Um welche Art von Gespräch handelt es sich?

Die Beziehung der Personen, die an diesem Gespräch beteiligt sind:
Liegen Konflikte oder Feindseligkeiten vor? Wie ist die Hierarchie unter den Gesprächspartnern? Stehen die Personen unter einem besonderen Druck?

Der Moment, in dem Mikroexpressionen auftreten:
Treten sie auf, wenn eine bestimmte Person spricht? Oder nur dann, wenn diese Person zuhört? Zeigen sich bestimmte Mikroexpressionen nur nach einer konkreten Äußerung?

Wodurch sich Mikroexpressionen von Makroexpressionen unterscheiden

Sie sollten wissen, dass Sie zwischen Mikro- und Makroexpressionen unterscheiden müssen. Das gelingt Ihnen am besten über die Dauer ihres Auftretens. Während Mikroexpressionen wie erwähnt nur für den Bruchteil einer Sekunde sichtbar sind, liegen Makroexpressionen über einen längeren Zeitraum vor. Makroexpressionen zeigen sozusagen den normalen Gesichtsausdruck eines Menschen, also seine aktuelle Befindlichkeit. Jeder Mensch zeigt schließlich Gefühle und diese können von anderen Personen über das Gesicht erkannt werden. Sobald ein Gefühl wieder abklingt, wird es von einem anderen abgelöst, das wir ebenfalls ablesen können. Wie stark sich diese Gefühle aber im Gesicht widerspiegeln, ist von Person zu Person unterschiedlich. Einige Menschen schaffen es, ihre Emotionen zu verbergen. Bei anderen sieht man hingegen sofort, wenn sie etwas beschäftigt.

Zusätzlich zu den Mikro- und Makroexpressionen kommen meist auch noch subtile Ausdrücke hinzu, die unglaublich schwer zu deuten sind. Das Zusammenspiel dieser drei Ausdrucksformen gibt uns am Ende einen guten Einblick in unser Gegenüber und seine Gefühlswelt. Doch da es eben oftmals ausgerechnet die Mikroexpressionen und subtilen Ausdrücke sind, die uns entscheidende Informationen über unser Gegenüber geben, ist das Gesichterlesen so schwierig.

Wie Sie das Erkennen von Mikroexpressionen lernen können

Für denjenigen, der Mikroexpressionen äußert, ist die kurze Erscheinung sicherlich von Vorteil. Oftmals wollen wir ja gar nicht, dass unsere Gedanken erkannt werden. Für diejenigen, die sie lesen wollen, gibt es aber eine gute Nachricht: Die Fähigkeit, Mikroexpressionen wahrnehmen und deuten zu können, ist erlernbar! Mit den richtigen Techniken, die Sie auch in unseren Seminaren lernen, schaffen Sie es, Nuancen an Emotionen zu erkennen und sich damit einen Vorteil zu verschaffen.

Probieren Sie es doch einfach einmal aus. In dem folgenden Selbsttest können Sie Ihre Fähigkeit, Mikroexpressionen zu erkennen, testen und sich langsam steigern:

Selbsttest: http://barbarakuster.com/kompendium/onlinetest/

Aber Vorsicht: Nicht alle Menschen geben Ihre Emotionen über Mikroexpressionen preis. Nur weil für Sie vielleicht keine Mikroausdrücke zu erkennen sind, heißt das noch lange nicht, dass Ihr Gesprächspartner nichts Verborgenes denkt, die Wahrheit sagt oder gar lügt. Mikroexpressionen helfen uns dabei, Gesprächspartner besser zu verstehen und ein Gespräch entsprechend zu führen. Doch ein gesunder Menschenverstand und ein gewisses Einfühlungsvermögen sind genauso wichtig, um Gespräche erfolgreich zu bestreiten.

Welche Experten-Tipps Ihnen helfen

Wir haben vor einiger Zeit mit unserem Mimik-Experten Andreas Fiederle über das Thema der Mikroexpressionen gesprochen. Fiederle verfügt über 15 Jahre psychologische Trainingserfahrung in den Bereichen Mimik, Physiognomik und Körpersprache sowie über 20 Jahre Top-Management-Erfahrung im Investment Banking und der Industrie. In einem exklusiven Interview hat er uns Antworten auf drei spannende Fragen gegeben, die Ihnen zusätzliche Tipps geben, um Ihren Blick für Ihr Gegenüber gezielt zu schulen.

Herr Fiederle, worauf kommt es vor allem an, wenn man sein Gegenüber analysieren möchte?

Wichtig ist, seinem Gegenüber so objektiv wie möglich zu begegnen, sich zurückzunehmen und mehr in die Beobachtung zu gehen als in die Eigenpräsentation. Nur so bekommt man wertvolle Hinweise, die einem im Gesprächsverlauf entscheidende Vorteile geben können.

Konzentrieren Sie sich auf das Gesicht, denn die Gesichtsmuskulatur reagiert direkt auf Veränderungen im sogenannten „Emotionalgehirn“ (Limbisches System). Immer wenn Emotionen im Spiel sind, ist dieser Gehirnteil involviert. Dafür ist es aber wichtig, die Person im „Normalzustand“ zu kennen. Ein entspannter Gesprächsstart ist also ideal.

Das, was die meisten unter Mimik kennen, nenne ich „Face Reading short term“, also das was kurzfristig im Gesicht passiert. Das gibt Auskunft über den Gefühlszustand seines Gegenübers: Wie ist mein Gegenüber drauf? Wenn extrem kurze Muskelbewegungen im Gesicht auftauchen, ist Vorsicht geboten, denn dann möchten Emotionen verheimlicht werden.

Möchte man Grundsätzliches über seinen Gesprächspartner erfahren, müssen Sie sich mehr auf die langfristigen Spuren im Gesicht konzentrieren. Sie erfahren dann mehr über die Grundbedürfnisse und Prioritäten bis hin zu Talenten und Charaktermerkmalen. Hier geht es mehr darum: Wen habe ich vor mir? Das nenne ich dann „Face Reading long term“.

Können Sie uns verschiedene Typen vorstellen? Woran erkennt man, mit wem man es zu tun hat?

Um einen Menschentyp – auch Naturell genannt – zu erkennen, schaut man neben Formelementen im Gesicht auch den Körperbau, die Haut und die Muskelstruktur an. Es gibt grundsätzlich drei Grundtypen. Das sind das Bewegungs-, Ernährungs- und Empfindungs-Naturell. Diese vermischen sich meist, es gibt aber klare Dominanzen, die auch lebensbestimmend sind.

Wichtig ist mir, darauf hinzuweisen, dass jeder Mensch natürlich individuell ist und es keine „schlechten“ oder „guten“ Typen gibt. Wie in der Tier- und Pflanzenwelt ist es die Mannigfaltigkeit, die unser Leben auf der Erde erst ermöglicht. So ist beispielsweise ein reines Bewegungsnaturell jemand, der unter anderem sehr leistungsorientiert ist, schnell zur Sache kommt und gerne die Führung übernimmt. Performance geht vor Kosten oder Nutzen. Wenn man auf so jemanden trifft. kann man sich Soft Facts meist sparen und kommt besser gleich zur Sache.

Beim Empfindungsnaturell sollte man hingegen unbedingt Soft Facts integrieren. Merkmale des Bewegungsnaturells sind wiederum unter anderem ein eckiges und längliches Gesicht mit markantem Kiefer und prägnanter Nase, auch der Blick ist fest und fokussiert.

Können Sie Tipps geben, um die Emotionen eines Gegenübers besser erkennen zu können?

Ein wichtiger Punkt ist, die Baseline, also die Nulllinie Ihres Gegenübers, zu kennen. Man schaut, wie dessen Gesicht im „Neutralzustand“ also ohne besondere Emotion oder Stress aussieht. Gut geeignet ist dafür der Small Talk. Dabei ist es völlig unwichtig, über was man spricht. Dann sollte man sich möglichst viele Merkmale zum Beispiel die Faltenstruktur auf der Stirn, Mundform oder Pupillengröße einprägen. Das ist dann die Nulllinie.

Alle Veränderungen von dieser Baseline geben Auskunft über eine Stresszunahme beziehungsweise -abnahme und welche Emotionen gerade präsent sind. Diese kann man meist an zwei bis drei Merkmalen festmachen. Aber Achtung! Nicht alles, was im Gesicht passiert, ist eine Emotion.

Übrigens: Die Europäer konzentrieren sich meist auf den Mund. Deswegen versuchen viele über die Mundmimik zu täuschen. Sie ist auch am einfachsten zu manipulieren. Es lohnt also auch, die anderen Parts im Gesicht zu betrachten, sonst ist man schnell mal auf der falschen Fährte.

Was verraten uns die Augen über jemanden und wie können wir diese Informationen nutzen?

Über das Auge könnte man ein ganzes Buch schreiben, so vielseitig sind die Informationen, die man aus dem Auge ziehen kann. Ich schaue zum Beispiel auf Augenausdruck, Blickrichtung, welche Spannung das Auge hat und wie sich die Pupillen verändern. Auch die Blinzeln-Frequenz und die Strahlung im Auge geben uns wertvolle Hinweise. Exemplarisch greife ich mal drei Punkte heraus:

Der Augenausdruck informiert uns über die seelische und geistige Kraft und das schneller als jede andere Wahrnehmungsbeschreibung.

Der Augenausdruck kann sich sehr schnell verändern, je nachdem welche Gefühlslage vorherrscht.

An der Blickrichtung können wir erkennen, ob man sich beispielsweise visuell oder auditiv an etwas erinnert oder man das ganze nur konstruiert.

Man muss das aber über Kontrollfragen gegenchecken. Die Pupillen geben uns Auskunft über die emotionale Beteiligung meines Gesprächspartners. Wichtig ist auch hier immer die Veränderung und wann diese aufgetreten ist.

Wie Sie über Mikroexpressionen selbst Lügner entlarven

Möchten Sie auch gerne wissen, wann Ihr Gesprächspartner Sie anlügt? Auch dafür ist es hilfreich, Mikroexpressionen erkennen und deuten zu können. Denn diese verraten Lügner oftmals! Da sich Mikroexpressionen willentlich nur schwer unterdrücken lassen, können Sie Lügner darüber leicht enttarnen. Sie können Ihnen also im Grunde genommen nichts vor machen. Auf dieser Erkenntnis basieren auch Serien wie „Lie to me“, in der ein Team für seinen Auftraggeber neben der Körpersprache auch die Mikroexpressionen eines Verdächtigen analysiert.

Doch Vorsicht: Auch hier gibt es sicherlich Menschen, die das Unterdrücken ihrer Mikroexpressionen besser beherrschen als andere. Nur weil Sie keine Veränderungen in der Mimik wahrnehmen, heißt das noch nicht, dass Ihr Gegenüber die Wahrheit sagt.

Wir haben auch dazu noch unseren Mimik-Experten Andreas Fiederle befragt. In einem Video-Interview verrät er, auf was Sie achten sollten, um Lügner leichter zu erkennen und welche Mikroexpressionen insbesondere ein Anzeichen für Lügen sind:

Warum Ihnen die Mimik auch in Verhandlungen von Vorteil sein kann

Wenn Sie eine Verhandlung führen, ist es natürlich schön zu wissen, ob Sie Ihrem Ziel näherkommen. Auch das ist dank der Mikroexpressionen möglich: Gerade in Stresssituationen, in denen Ihr Gegenüber versucht, ruhig zu bleiben, zeigt sich das Stresslevel über die Mimik oder unterbewusste Beruhigungsgesten, sogenannte Adaptoren. Diese kleinen Merkmale zeigen, ob Ihrem Gegenüber ein

Thema besonders wichtig ist. Ihr Gegenüber wiederum versucht, seine Emotionen um des Verhandlungswillens zu verstecken und nimmt deshalb eine Art Ersatzhaltung ein.

Auch zu diesem Thema haben wir unseren Experten Andreas Fiederle befragt. Schauen Sie am besten gleich mal ins Video:

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