Kreditvergabe unter ESG-Bedingungen

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18. July 2022
Finanz- & Rechnungswesen
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Der Finanzsektor ist von der Forderung nach der Gesellschaftsverantwortung in einem besonderen Maße betroffen. Sowohl die Kapitalmärkte als auch deren Akteure üben im Rahmen ihres nachhaltigen Wirtschaftens eine Schlüsselfunktion aus, da diese maßgeblich für die weltweiten Finanzströme verantwortlich sind.

Gerade vor dem Hintergrund der oben genannten Bedeutung gewinnt in letzter Zeit das Thema Nachhaltigkeit mehr an Relevanz. Dies wird insbesondere in der Flut aufsichtsrechtlicher (BaFin, EZB & EBA) Veröffentlichungen, die als Merkblätter und Leitfäden publiziert werden, besonders deutlich. Hier drin werden insbesondere aufsichtsrechtliche Erwartungen und Anforderungen in Bezug auf ein nachhaltiges Kreditgeschäft zum Ausdruck gebracht, die im Rahmen von Kreditvergabeprozessen zu berücksichtigen sind.

Dr. Gennadij Seel, M.A. und Prof. Dr. Dr. habil. Eric Frère von der FOM Hochschule für Oekonomie & Management erläutern in diesem Beitrag die Besonderheiten der Kreditvergabe unter ESG-Bedingungen.

Dr. Gennadij Seel

Managing Consultant | ifb SE

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Prof. Dr. Dr. habil. Dr. h.c. (Univ. Banja Luka) Eric Frère

Professor für Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Finanzmanagement, Dekan | FOM Hochschule für Oekonomie & Management

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Problemstellung in Sachen Nachhaltigkeit bei der Kreditvergabe

Die meisten Institute befinden sich aktuell noch im Aufbauprozess zum Thema Nachhaltigkeit in der Kreditvergabe. Von einer standardisierten Form der Berücksichtigung von Nachhaltigkeitsaspekten bzgl. der Auswahlkriterien, Pricing und Sicherheiten Bewertung sind die meisten Institute noch weit entfernt. Jedoch arbeiten die Institute mit Hochdruck an Kriterienkatalogen, um festzulegen, ob eine Unternehmensfinanzierung als nachhaltig im Sinne der EU-Taxonomie eingestuft werden kann. Auch die Entwicklung von Kreditprodukten mit Nachhaltigkeits-KPIs und deren Einfluss auf die Kreditkonditionierung steht bei den Instituten aktuell im Vordergrund.

Aktuelle und anstehende Regulierungsmaßnahmen im Kontext Nachhaltigkeit

Wie aus der unteren Abbildung hervorgeht, existieren bereits zahlreiche regulatorische Anforderungen, die sich auf Nachhaltigkeitsaspekte fokussieren. Auch zukünftig sollen gemäß dem EU-Aktionsplan weiteren Anforderungen seitens der Aufsicht finalisiert und publiziert werden. Im Jahr 2023 soll das Klassifikationssystem für nachhaltige ökonomische Tätigkeiten veröffentlicht werden. Für 2024 avisiert der EU-Aktionsplan die Fertigstellung des „Diskussionspapiers in Vorbereitung des Berichts über Klassifizierung und aufsichtliche Behandlung von Vermögenswerten aus Nachhaltigkeitssicht“. Der finale Bericht über die Klassifizierung und aufsichtsrechtliche Behandlung von Vermögenswerten aus Nachhaltigkeitssicht wird für 2025 avisiert.

Insbesondere aus den EBA-Leitlinien zur Kreditvergabe und -Überwachung geht die zwingende Berücksichtigung von ESG-Risiken bei der Kreditvergabe und im Kreditrisikomanagement hervor. Dieser Sachverhalt führt zu einer umfassenden Verankerung institutsspezifischer Leitplanken in verschiedenen Facetten, insbesondere aber in Risikokultur, Risikoappetit sowie Kreditrichtlinien.

Auswirkungen von ESG-Kriterien auf den Kreditvergabeprozess

Im Rahmen des Kreditvergabeprozesses können Banken private Informationen über den Kreditnehmer beschaffen und somit Informationsasymmetrien abbauen. Daraus lässt sich eine Einschätzung ableiten, ob der Kreditnehmer seinen Kreditverpflichtungen nachkommen kann. Des Weiteren können ESG-Aktivitäten besser beurteilt werden und festgestellt werden, ob diese dem Unternehmen einen Wertbeitrag leisten. Umwelt- und Sozialfaktoren werden von den Instituten als relevante Risikovariablen eingestuft und wirken sich somit auf die Kreditnehmer und auf ihre eigene Leistung entsprechend aus. Grundsätzlich gibt es zahlreiche Kennzahlen, um eine nachhaltigkeitsgebundene Finanzierung auszugestalten. Abbildung 2 stellt diese exemplarisch dar:

Im Rahmen der strategischen Entscheidung, dass eine gute Leistung im Bereich der sozialen Verantwortung mit höherer finanzieller Leistung verbunden ist und dies mit weniger notleidenden Krediten korreliert, stellt das Hauptmotiv der Institute dar. Dies führt bei den Kreditinstituten zu dem Anreiz, die soziale Verantwortung des Kreditnehmers entsprechend in die Bewertung des Risikos und in die Kreditpreisgestaltung zu integrieren. Es werden positive und negative Aktivitäten im Bereich ESG unterschieden. Positive Aktivitäten führen zu einer niedrigeren Kreditspanne, da die zukünftigen Cashflows als weniger risikoreich eingestuft werden. Argumentativ ist an dieser Stelle festzuhalten, dass die Verfolgung von ESG-Zielen die Wahrscheinlichkeit von negativen Events, wie z. B. kostspielige Gerichtsverfahren oder regulatorische Eingriffe verringert wird. Zu den negativen Aktivitäten gehören z. B. Einbußen in den Umsätzen.

Unternehmen mit einem schlechteren ESG-Niveau erhalten demnach schlechtere Konditionen von der Bank. Sind Vorfälle im Bereich ESG, wie z. B. Umwelt- oder Sozialskandale, mit negativer Auswirkung auf die ESG-Leistung vorhanden, so sind Unternehmen angehalten mehr Sicherheiten bei der Kreditvergabe zu hinterlegen.

Auch die Kreditlaufzeiten werden von den ESG-Aktivitäten beeinflusst. Unternehmen mit negativen ESG-Vorfällen erhalten kürzere Kreditlaufzeiten.

Bei der Ermittlung der Kreditspanne werden neben den klassischen Faktoren auch die ESG-Stärken und ESG-Schwächen berücksichtigt, da ESG-Risiken diese maßgeblich beeinflussen können. Bei der Bewertung der ESG-Schwächen werden auch Umweltbelange, wie z. B. gefährliche Abfälle, toxische Emissionen oder Bedenken hinsichtlich des Klimawandels berücksichtigt.

Die ESG-Kriterien haben mit dem Credit Spread eine negative Korrelation. Dies bedeutet, dass mit zunehmendem Engagement und ESG-Stärken das Unternehmensrisiko sinkt und die Zinsmarge entsprechend niedriger ausfällt. Zu einer Erhöhung des Spreads kommt es, wenn die Institute Bedenken im Vergleich zu den Stärken aufweist. Somit zahlt ein Unternehmen mit ESG-Schwächen einen höheren Credit-Spread, welcher die Kosten für das Fremdkapital entsprechend in die Höhe schellt.

Abschließend bleibt festzuhalten, dass das Ausmaß der Risikoprämie von der grundsätzlichen Einstellung des Institutes zum Thema ESG abhängt. Verzeichnet z. B. das kreditgebende Institut eine hohe Nachhaltigkeitsleistung, so wird das kreditnehmende Unternehmen in der Regel niedrigere Aufschläge erhalten.

Fazit und Ausblick zu ESG-Kriterien im Kreditvergabeprozess

Festzuhalten bleibt, dass Nachhaltigkeitsaspekte bedeutender werden. Dies wird durch die Fülle der aufsichtsrechtlichen Anforderungen unterstrichen. Insbesondere durch die EBA-Leitlinien sind die Institute angehalten ESG-Kriterien im Kreditvergabeprozess zu berücksichtigen. Unternehmen sollten Ihre Stärken aus den ESG-Aktivitäten besonders bei der Bank transparent machen, um von den geringeren Credit Spread zu profitieren und somit die Fremdkapitalkosten zu senken.

In naher Zukunft ist zu erwarten, dass immer mehr Institute die ESG-Kriterien in Ihre Konditionierung aufnehmen und daraus Standardprozesse generieren. Als Beispiel sei hier die ING aufgeführt, die weltweit als erste Bank ESG-Kriterien in die vollautomatisierte Preisgestaltung ihrer Finanzmarktprodukte integriert hat. Somit hängt die höhe der Konditionierung nicht nur ausschließlich von internen Bonitäts- und Rentabilitätskennzahlen ab, sondern auch von der aktuellen Performance der Unternehmenskunden.

Praxistipps für einen erfolgreichen Kreditvergabeprozess

Setzen Sie sich frühzeitig mit dem Thema Nachhaltigkeit auseinander!

Machen Sie sich mit den Nachhaltigkeitskriterien vertraut, die Ihre individuelle Kreditkonditionierung beeinflussen!

Führen Sie in Ihrem Unternehmen eine transparente Berichterstattung im Nachhaltigkeitsbereich ein! 

Versuchen Sie die KPI im Nachhaltigkeitsbereich aus Ihrer Bank in Ihrem eigenen Unternehmen zu implementieren!

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ESG-Kriterien & ESG-Risiken

Die ESG-Kriterien und aktuelle Krisen haben ein Umdenken im Investment-Sektor bewirkt. Unternehmen stehen vor der Herausforderung, ESG-Kriterien zu berücksichtigen und abzuwägen. Dabei besteht die Herausforderung vor allem darin, Nachhaltigkeit und Ökonomie in Einklang zu bringen und ESG-Risiken abzuwägen.

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