Wasserkraft in Deutschland: Wo liegt noch Potenzial?

09. March 2017
Energie & EVU, Umwelt
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Wenn wir über die deutsche Energiewende sprechen, denken wir zuerst an Windkraft und Solarzellen. Doch eine der ältesten erneuerbaren Energiequellen spielt bislang eine eher untergeordnete Rolle: Die Wasserkraft. Schon vor 5000 Jahren kannte man sie in China. Viele Kulturen setzten sie ein zur Bewässerung von Feldern und als Antrieb für Maschinen. Heute ist sie ebenfalls durchaus noch ein Thema, denn sie verfügt über enormes Potenzial. Zumindest im Ausland. Also warum sprechen in Deutschland so wenige darüber? In diesem Beitrag haben wir einige Antworten darauf. Außerdem haben wir mit dem Experten Prof.-Dr. Frank Pöhler gesprochen, der verrät, was Wasserkraft für den Umweltschutz tun kann.

Wasserkraft in Deutschland und weltweit

Weltweit liefert die Wasserkraft knapp 17 Prozent des Gesamtbedarfs an elektrischer Energie: Mit jährlich 3.700 Terrawattstunden produziert Wasserkraft 1,5 Mal so viel wie die Kernkraftwerke! Spitzenreiter ist dabei China, aber auch die Vereinigten Staaten, Japan und Indien liegen in den Top 10.

Key World Energy Statistics 2016: Top-10-Erzeuger von Wasserkraft

  • China: 1064 TWh, 18,7 Prozent der nationalen Produktion
  • Kanada: 383 TWh, 58,3 Prozent der nationalen Produktion
  • Brasilien: 373 TWh, 63,2 Prozent der nationalen Produktion
  • USA: 282 TWh, 6,5 Prozent der nationalen Produktion
  • Russland: 177 TWh, 16,7 Prozent der nationalen Produktion
  • Indien: 132 TWh, 10,2 Prozent der nationalen Produktion
  • Norwegen: 129 TWh, 96 Prozent der nationalen Produktion
  • Japan: 87 TWh, 8,4 Prozent der nationalen Produktion
  • Venezuela: 87 TWh, 68,3 Prozent der nationalen Produktion
  • Frankreich: 69 TWh, 12,2 Prozent der nationalen Produktion

Für die weltweite Stromversorgung hat Wasserkraft also keine unerhebliche Bedeutung. In Deutschland wurden 2013 knapp 23 Terawattstunden Strom aus Wasserkraft erzeugt. Das macht 4,4 Prozent der nationalen Stromproduktion aus und ist verglichen mit anderen Staaten relativ wenig. Natürlich ist das Potenzial nicht in jedem Land gleich: Es ist abhängig von Niederschlagsmengen und seiner jeweiligen Topographie. Doch trotzdem – was unser Nachbar Frankreich kann, das sollten wir doch auch können, oder?

Potenzial von Wasserkraft in Deutschland

In Deutschland werden rund 7.300 Wasserkraftanlagen betrieben; die meisten davon haben eine Leistung von unter 100 Kilowatt und die Hälfte davon steht in Bayern, über 80 Prozent in Süddeutschland. Aus einer Studie des Bundesministeriums für Umwelt ging bereits 2010 hervor, dass damit ungefähr 80 Prozent des bestehenden Wasserkraftpotenzials in Deutschland bereits erschlossen sind.

Man rechnet mit ungefähr fünf zusätzlichen Terawattstunden, die vor allem durch die Modernisierung bereits errichteter oder außer Betrieb befindlicher Anlagen erreicht werden könnte. Die Möglichkeiten für den Bau neuer Kraftwerke sind eher eingeschränkt, da als Standorte nur Lagen funktionieren, an denen das Wasser schnell genug fließt, um ihre Turbinen auch zu bewegen. Auch die Themen Umweltschutz und Wasserhaushalt müssen berücksichtigt werden, weshalb der Zubau weiterer größerer Anlagen in Deutschland eigentlich keinen Sinn macht.

Chancen liegen in der Modernisierung von Wasserkraftanlagen

Das Positive: Das Erschließen des vorhandenen Potenzials durch die Modernisierung alter Anlagen ist weniger teuer als komplette Neubauten. Zu beachten ist jedoch die Komplexität solcher Unterfangen. Denn schon der Austausch eines einzelnen Teils kann den gesamten Betrieb einer Anlage beeinflussen, deren Einzelteile im Zusammenspiel miteinander funktionieren. Durchschnittlich sind die modernisierungsbedürftigen Anlagen in Deutschland über 40 Jahre alt. Zur Effizienzsteigerung können zum Beispiel Generatoren und Turbinen ausgetauscht oder der Grad der Automatisierung erhöht werden.

Was Wasserkraft für den Umweltschutz tun kann

Wie bleibt Wasserkraft wettbewerbsfähig? Im ausführlichen Interview befragen wir den Schweizer Experten Thomas Geissmann zu möglichen Maßnahmen in Politik und Wirtschaft. Und was hält man in der Schweiz eigentlich von der deutschen Energiewende?

Wasserkraft in Bayern

Warum spielt eigentlich Wasserkraft in Bayern eine so viel größere Rolle als im Rest Deutschlands?

Durch höhere mittlere Jahresniederschläge und die topografische Lage an den Alpen sind vor allem die Flüsse in Südbayern prädestiniert für Stromerzeugung aus Wasserkraft. Die Erschließung des Wasserkraftpotenzials im vergangenen Jahrhundert hat maßgeblich zur prosperierenden wirtschaftlichen Entwicklung von Bayern beigetragen. Mit durchschnittlich 12,5 Mrd. kWh pro Jahr kommen fast 60 Prozent des in Deutschland produzierten Wasserkraftstroms aus Bayern. Heute noch beträgt der Wasserkraftanteil an der Stromerzeugung in Bayern ca. 14 Prozent, während er in Deutschland lediglich drei Prozent beträgt.

Wasserkraft hat für Bayern essentielle Bedeutung. Nicht nur ein Drittel des regenerativ erzeugten Stroms in Bayern ist Wasserkraft. Wasserkraft bedeutet vor allem sichere, preiswerte, grundlastfähige und planbare Stromerzeugung – damit unterscheidet sie sich grundlegend von fluktuativer Stromerzeugung aus Wind- und Photovoltaikanlagen.

Wasserkraftanlagen mit einer Leistung über 5 Megawatt sind die einzigen regenerativen Stromerzeugungsanlagen, die in Deutschland nicht über das EEG subventioniert werden.


Prof.-Dr. F. Pöhler, Universität Kassel

Herausforderungen für die Wasserkraft in Deutschland

Welche besonderen Herausforderungen müssen Unternehmen beim Betrieb von Wasserkraftwerken derzeit meistern in Deutschland?

Sorgen bereiten uns seit einiger Zeit die niedrigen Börsenpreise und damit sinkenden Erlöse. Wasserkraftanlagen mit einer Leistung über 5 Megawatt sind die einzigen regenerativen Stromerzeugungsanlagen, die in Deutschland nicht über das EEG subventioniert werden. Derzeit beträgt die Durchschnittsvergütung aller geförderten EEG-Anlagen immer noch ca. 13 ct/kWh (EEG-Gesetz bereits seit März 2000!), während die große Wasserkraft ihren regenerativen Strom nach Marktpreisen verkaufen muss, die zurzeit etwas unterhalb von drei ct/kWh liegen.

Zusätzlich trägt die Wasserkraft immense Kosten für Hochwasserschutz und Umsetzung der EU-Wasser-Rahmenrichtlinie, wie die Errichtung von Fischwanderhilfen oder die ökologische Gestaltung der Gewässer.

Mit Rationalisierungsprogrammen und Effizienzverbesserungen versuchen wir die Wirtschaftlichkeit der großen Wasserkraft zu erhalten. Wir suchen aber auch das Gespräch mit der Politik, um eine faire Lastenteilung zwischen allen Stakeholdern am Gewässer zu erreichen; zum Beispiel durch ein Vergütungsmodell, das gerecht und angemessen die Zusatzaufwendungen und den damit erzielten gesellschaftlichen Nutzen durch die Wasserkraft berücksichtigt.

Wasserkraft und Umweltschutz bei den BEW

Bei den BEW steht der nachhaltige Betrieb von Wasserkraftanlagen in einem besonderen Fokus. „Natur und Technik im Einklang“ heißt es in einer Ihrer Präsentationen. Können Sie uns einen kurzen Einblick geben, mit welchen Strategien Sie dieses Ziel verfolgen?

Mit unseren Projekten zeigen wir, dass sich Ökologie und Ökonomie in der Wasserkraft gut vereinbaren lassen. Naturschutz, Klimaschutz und Wasserkraft – das gehört für uns untrennbar zusammen. Wir wollen Vorbild für die Wasserkraftnutzung der Zukunft sein. Unser Motto heißt dabei: „Neue Wege der Zusammenarbeit“. Wir möchten mit allen Stakeholdern, mit Anwohnern, Umwelt- und Fischereiverbänden, mit Kommunen, Fachbehörden und der Wissenschaft, auf Augenhöhe kommunizieren, deren Kompetenz und Engagement nutzen, um gemeinsame Best-Practice-Lösungen zu finden. Diese Vorgehensweise muss nicht teurer sein und generiert Vorteile für alle Seiten.

Mit der von BEW entwickelten „Ökobermen“ verbinden wir beispielsweise eine Verbesserung des Hochwasserschutzes (Dammsanierung) gleichzeitig mit einer Verbesserung der Ökologie durch Schaffung hochwertiger Gewässerstrukturen. Beim Projekt „INADAR“, das von der EU im Rahmen des Life-Programms gefördert wird, erfolgt derzeit die Erprobung und Bewertung dieser ökologischen Bauweise an zwei Stauräumen an der Donau.

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